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Technical · 8 Min. Lesezeit

Sechs Zahlen, eine Entscheidung: Was wirklich hinter der Vergleichsspannung steckt

Sechs Zahlen, eine Entscheidung: Was wirklich hinter der Vergleichsspannung steckt
Viktor Martinewski
Viktor Martinewski8 Min. Lesezeit

Ein massiver Stahlwürfel sinkt in 10 Kilometer Meerestiefe. Rund 100 MPa drücken auf jede seiner Flächen. Und seine Vergleichsspannung? Praktisch null.

Wenn Sie hier stutzen, sind Sie richtig. Genau hier liegt der Unterschied zwischen dem Farbwert, den Sie aus einem Konturplot ablesen, und dem Verständnis, das dahintersteckt.

Fast jeder, der mit FEM arbeitet, liest irgendwann „von Mises" aus einer bunten Grafik ab. Was diese eine Zahl eigentlich zusammenfasst, und warum sie null sein kann, obwohl das Bauteil offensichtlich unter Last steht, ist meist weniger klar. Dieser Artikel arbeitet von unten nach oben: von der Kraft pro Fläche, die jeder aus der ersten Mechanik-Vorlesung kennt, bis zur Fließfläche im Spannungsraum. Und weil man es besser versteht, wenn man an den Reglern selbst drehen kann, können Sie jeden Schritt im Stress Space Explorer am Ende dieses Artikels selbst nachvollziehen.

Fangen wir unten an: Spannung ist Kraft pro Fläche

σ = F / A. Kraft geteilt durch Fläche, in MPa (N/mm²). Dasselbe wie Druck, nur eben in einem Festkörper.

Ein alltägliches Bild: Dieselbe Person erzeugt auf einem Stöckelabsatz enorme Spannung im Boden und auf einem flachen Schuh eine winzige. Gleiche Kraft, unterschiedliche Fläche.

An einem gedachten Schnitt durch den Körper kann diese Kraft auf zwei Arten wirken: senkrecht zum Schnitt als Normalspannung σ (Zug oder Druck) oder parallel dazu als Schubspannung τ (Abscheren). Ein Tauziehen-Seil ist Normalspannung; eine Schere, die Papier durchtrennt, ist Schub. Beide sind an jedem Punkt gleichzeitig vorhanden.

Warum eine Zahl nicht reicht

Hier kommt der erste unangenehme Punkt. Wenn Sie einen anderen gedachten Schnitt durch denselben Punkt legen, messen Sie dort andere Werte. Drehen Sie den Schnitt, ändern sich Normal- und Schubspannung mit.

Eine Zahl beschreibt den Zustand an einem Punkt also nicht. Man schreibt die Spannungen für drei senkrechte Richtungen (x, y, z) aus und erhält drei Normalspannungen (σx, σy, σz) und drei Schubspannungen (τxy, τyz, τxz). Das ist der Spannungstensor: sechs unabhängige Werte, die den Zustand an genau einem Punkt vollständig beschreiben.

Sechs Zahlen also. Und jetzt das Problem.

Sechs Werte, eine Grenze

Ihr Werkstoffdatenblatt kennt eine einzige Grenze: die Streckgrenze Re. Sie wird im einachsigen Zugversuch gemessen, bei dem nur eine Spannung wirkt und alle anderen null sind.

Sie haben also auf der einen Seite den vollständigen Spannungszustand mit sechs Werten. Auf der anderen eine einzelne Zahl aus einem sehr einfachen Experiment. Wie vergleicht man das fair?

Die Antwort ist eine Vergleichsspannung σv: eine Vorschrift, die den vollen Zustand in eine Zahl übersetzt, die man direkt mit Re vergleichen kann. Die eigentliche Frage ist damit nur verschoben, nicht gelöst: Welche Vorschrift ist die richtige, und warum genau diese?

Der Kerngedanke: Nicht jede Spannung richtet gleichen Schaden an

Hier kommt der zentrale Gedanke. Man zerlegt den Spannungszustand in zwei Anteile:

  • Hydrostatisch: der Mittelwert der drei Normalspannungen, der wie ein gleichmäßiger Druck oder Zug von allen Seiten wirkt. Er ändert nur das Volumen; die Form bleibt.
  • Deviator: alles, was übrig bleibt. Er ändert die Form: Kanten verschieben sich, Winkel kippen, das Volumen bleibt aber gleich.

Warum diese Zerlegung wichtig ist: Metalle fließen, indem atomare Ebenen aneinander abgleiten. Das ist eine Formänderung. Reiner allseitiger Druck löst dieses Gleiten nicht aus. Und die Vergleichsspannung bewertet ausschließlich den Deviator.

Selbst ausprobieren im Explorer Wählen Sie das Preset Rein hydrostatisch. Alle drei Normalspannungen sind gleich, kein Schub. Ergebnis: σv = 0, Urteil elastisch, egal, wie groß Sie die Werte machen. Der rote Punkt liegt exakt auf der Raumdiagonale des Zylinders.

Und damit kommen wir zurück zum Würfel aus der Tiefsee.

Der Tiefseewürfel

100 MPa von allen Seiten auf einen massiven Stahlwürfel. Das ist ein rein hydrostatischer Zustand: kein Deviator, keine Formänderung, kein Fließen. Seine Vergleichsspannung ist praktisch null. Selbst bei 1.000 MPa von allen Seiten würde der massive Würfel nicht fließen.

Vorsicht: Diese Intuition überträgt sich falsch auf ein U-Boot. Ein U-Boot ist kein massiver Würfel. Dünnwandige Hohlkörper wandeln Außendruck in Biegung und Schub um, und diese erzeugen einen echten Deviator. Aber die Kernaussage bleibt: Fließen entsteht durch Formänderung, nicht durch Volumenänderung. Genau das misst σv.

Von Mises: nur die Formänderung

Jetzt konkret, mit einem Zwischenschritt. Wenn Sie den gedachten Würfel in die richtige Lage drehen, verschwinden alle Schubspannungen. Übrig bleiben drei Normalspannungen σ₁, σ₂, σ₃, die Hauptspannungen. Aus sechs Werten sind drei geworden.

Die Von-Mises-Vergleichsspannung zählt nur die Differenzen dieser drei:

σv = √( ½ · [ (σ₁ − σ₂)² + (σ₂ − σ₃)² + (σ₃ − σ₁)² ] )

Nur Differenzen. Wenn alle drei Hauptspannungen gleich sind (der allseitige Fall), ist jede Differenz null und σv = 0. Deshalb lag der Tiefseewürfel bei null. Der formale Name dahinter ist die Gestaltänderungsenergiehypothese: Fließen beginnt, wenn die Energie der reinen Formänderung die Werkstoffgrenze erreicht.

Ein nützlicher Selbstcheck: Im einachsigen Zugversuch (σ₂ = σ₃ = 0) liefert die Formel σv = σ₁. Genau deshalb kann σv direkt mit der Streckgrenze verglichen werden: beide sind auf dieselbe Skala kalibriert.

Selbst ausprobieren im Explorer Wählen Sie das Preset Einachsiger Zug (σx = 200, alles andere null) und lassen Sie Re bei 235. Der Explorer zeigt σv = 200, denselben Wert wie σ₁, Urteil elastisch, Sicherheit rund 1,18. Erhöhen Sie σx, bis das Urteil auf Fließen umschlägt: Bei 235 MPa ist die Streckgrenze erreicht. Zum Vergleich: Wählen Sie Reiner Schub. Eine reine Schubspannung allein erzeugt schon eine spürbare Vergleichsspannung (σv = √3 · τ), obwohl keine Normalspannung anliegt.

Die Fließfläche: ein Bild des ganzen Spannungsraums

Bis hierhin waren es nur Formeln. Jetzt das geometrische Bild, das alle Fälle von oben verbindet.

Spannen Sie drei Achsen auf: σ₁, σ₂, σ₃. Jeder Spannungszustand ist dann ein Punkt in diesem Raum. Auf der Raumdiagonale σ₁ = σ₂ = σ₃ liegen alle rein hydrostatischen Zustände; dort tritt kein Fließen auf. Der Tiefseewürfel sitzt genau auf dieser Linie.

Die Von-Mises-Bedingung wird in diesem Raum zu einem Zylinder um die Diagonale. Der Abstand Ihres Punkts von der Achse ist die Formänderung: innen ist elastisch, an der Oberfläche beginnt das Fließen. Blickt man entlang der Diagonale auf den Zylinder, wird er zum Kreis. Und Tresca, die Schubspannungshypothese, ist das in diesen Kreis einbeschriebene Sechseck: leicht konservativer, weil es nie außerhalb des Kreises liegt.

Die dritte Hypothese im Explorer hat eine andere Form. Rankine, die Hauptnormalspannungshypothese, bewertet nur die betragsgrößte einzelne Hauptspannung, unabhängig von den beiden anderen. Im Hauptspannungsraum wird das zu einem achsparallelen Würfel. Der entscheidende Unterschied: Zylinder und Sechseckprisma sind entlang der Diagonale offen, der Würfel ist geschlossen. Rankine begrenzt deshalb auch rein hydrostatischen Zug. Deshalb sitzt ein rein hydrostatischer Zustand unter Rankine nahe an der Grenze, während Von Mises und Tresca beim selben Zustand σv = 0 liefern.

Selbst ausprobieren im Explorer Klicken Sie Blick entlang Diagonale. Der Zylinder wird zum Kreis, und Sie sehen sofort, ob Ihr Punkt darin oder am Rand liegt. Schalten Sie Tresca ein, das Sechseck liegt sauber im Kreis, und Rankine, das den Würfel darstellt. Zurück in Perspektive wird am deutlichsten sichtbar, dass der Würfel entlang der Diagonale begrenzt ist, während Zylinder und Prisma offen bleiben. Drehen Sie die Ansicht frei, geben Sie eigene sechs Werte ein und beobachten Sie, wie sich der rote Punkt bewegt.

Der Werkstoff wählt die Hypothese

Ein letzter, in der Praxis entscheidender Punkt: Von Mises ist nicht immer die richtige Frage.

  • Duktil (Stahl, Aluminium): Versagen beginnt mit Fließen, also Formänderung. Man vergleicht σv nach Von Mises gegen die Streckgrenze Re. Das ist der Standard hinter fast jedem Konturplot. Tresca ist die konservativere Variante in derselben Familie.
  • Spröde (Grauguss, Keramik, gehärtete Stähle): Diese Werkstoffe fließen kaum, sie brechen. Hier bewertet man die betragsgrößte Hauptspannung σ₁ gegen die Zugfestigkeit Rm. Diese Hypothese heißt Rankine.

Kurz gefasst: Von Mises beantwortet „Fließt es?" Für einen spröden Werkstoff ist das die falsche Frage. Dort lautet die Frage: „Reißt es?"

Selbst ausprobieren im Explorer Bleiben Sie beim Preset Rein hydrostatisch und schalten Sie die Hypothesen durch. Von Mises und Tresca zeigen kein Fließen (σv = 0). Rankine erreicht seine Grenze, weil Zug in jede Richtung wirkt. Am selben Zustand kommen die Hypothesen zu unterschiedlichen Urteilen. Welche gilt, entscheidet der Werkstoff, nicht die Gewohnheit.

Zurück zum bunten Bild

Jetzt liest sich der Konturplot anders. Er zeigt an jedem Punkt den vollen Tensor, verdichtet auf eine Vergleichsspannung, damit sie mit dem Datenblatt verglichen werden kann.

Zwei Dinge, die es wert sind, sich zu merken. Erstens: Die Farbe ist eine Hypothese über Fließen, keine Messung. Sie gilt für duktile Werkstoffe und ignoriert den hydrostatischen Anteil, und zwar bewusst. Zweitens, und in der Praxis wichtiger: Rot heißt Maximum dieser Skala, nicht automatisch gebrochen. Prüfen Sie zuerst die Skala, dann σv gegen die Streckgrenze.

Drei Sätze, die hängen bleiben sollten:

  1. Sechs Zahlen, eine Entscheidung. σv macht den Spannungstensor mit dem Zugversuch vergleichbar.
  2. Fließen entsteht durch Formänderung. Der hydrostatische Anteil zählt nicht. Der Tiefseewürfel beweist es.
  3. Von Mises gilt für duktile Werkstoffe. Für spröde Werkstoffe bewerten Sie die betragsgrößte Hauptspannung gegen Rm.

Selbst ausprobieren

Am schnellsten verinnerlicht man das alles, indem man selbst an den Reglern dreht. Im unten eingebetteten Stress Space Explorer geben Sie einen Tensor ein und sehen die Hauptspannungen, die Vergleichsspannung, den Sicherheitsfaktor und den Punkt im Raum in Echtzeit, mit allen drei Hypothesen zum Umschalten. Nehmen Sie sich fünf Minuten und gehen Sie die Beispiele von oben durch.

Sie können den Explorer auch in einem neuen Tab öffnen, falls Ihnen das lieber ist.

Und genau darum geht es uns bei Dr.Q: Simulation soll nicht bei wenigen Spezialisten liegen, sondern früh im Konstruktionsprozess verständlich und nutzbar sein. Wenn Sie sehen wollen, wie in Dr.Q ohne stundenlanges Modell-Setup ein belastbarer Konturplot entsteht, buchen Sie eine kurze Online-Demo.

Ein ehrlicher Hinweis zum Schluss: Der Explorer und dieser Artikel zeigen die Mechanik zur Veranschaulichung. Sie ersetzen keinen formalen Festigkeitsnachweis.